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Die Person Liebig
Karriere auf Umwegen

Justus Liebig wurde im Jahre 1803 in Darmstadt geboren. Sein Vater war Materialienhändler (aus heutiger Sicht in etwa ein Drogist) und stellte Farben und Firnisse z.T. selbst her. Das Interesse des kleinen Justus an chemischen Dingen ist in der väterlichen Werkstatt geweckt worden. Später ist er dann in den Werkstätten chemisch orientierter Handwerker (Gerber, Färber, Seifensieder) zu Hause. Besonders interessieren ihn die chemischen Versuche, die von Schaustellern auf den Jahrmärkten vorgeführt werden. Er wiederholt sie in der väterlichen Werkstatt. Dabei entwickeln sich sein experimentelles Geschick - seine Beobachtungsgabe - sein visuelles Gedächtnis - seine Kombinationsfähigkeit. In der Hofbibliothek hat er Zugang zur chemischen Literatur. Mit 16 Jahren hat er sich - so sagt er selbst - das aus Büchern erfahrbare Chemiewissen der Zeit in freilich unsystematischer Weise angeeignet. Mit 15 Jahren muß er das Gymnasium verlassen. Die danach begonnene Apothekerlehre wird schon nach 10 Monaten abgebrochen.

Ende 1820 beginnt er mit dem Studium der Chemie, bereits im 3. Studiensemester beginnt er seine Doktorarbeit "Über das Verhältnis der Mineralchemie zur Pflanzenchemie". Die Arbeit wird im Laufe des Jahres 1822 fertiggestellt. Er promoviert mit ihr "in absentia", denn inzwischen ermöglicht ihm ein Stipendium seines Landesherrn die Fortsetzung des Chemiestudiums in Paris bei den besten Lehrern der Zeit. Insbesondere die Aufnahme in das Privatlabor Gay-Lussacs und die Zusammenarbeit mit diesem bedeutendsten Chemiker der Pariser Schule beschleunigen seine fachliche Vollendung. Liebigs Arbeiten über die Knallsäure machen seinen Namen in der chemischen Welt bekannt.
Alexander von Humboldt empfiehlt ihn dem Großherzog von Hessen in so nachdrücklicher Weise, daß Liebig 1824 unverzüglich zum außerordentlichen Professor an der Landesuniversität Gießen berufen und im folgenden Jahr - 1825 - zum ordentlichen Professor ernannt wird.

Einige Schwerpunkte seiner Tätigkeit als Professor der Chemie in Gießen waren:

Mit diesen Arbeiten, einer Fülle von kleineren Arbeiten und durch seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit, war Liebigs Ruf als hervorragendster Chemiker seiner Zeit zu Ende des 3. Jahrzehnts gefestigt. Auf dieses Ansehen gestützt, konnte er es wagen, seine Erkenntnisse über den Chemismus der pflanzlichen und der tierischen Ernährung sowie den Kreislauf der Stoffe in der Natur, die in krassem Widerspruch zur herrschenden Lehrmeinung standen, zu veröffentlichen:

Dies sind die wichtigsten und folgenreichsten Arbeiten Liebigs, die er in Gießen begann und zu einem gewissen Abschluß führte. Liebig erweist sich hier als Programmatiker großen Stils, der Lehr - und Forschungsprogramme entwickelt, aber auch die zur Bearbeitung nötige, tragfähige Grundlage schafft, den Rahmen absteckt und praktikable Anweisungen für die Durchführung gibt.

Seinen Direktiven folgen seine vielen berühmten Schüler (A.W. Hofmann, Kekulé, Strecker, Fresenius, Pettenkofer u.v.a.) und diesen wieder deren Schüler. So entsteht ein wissenschaftlicher Stammbaum, der weitere bedeutende Namen aufweist. J.H. van't Hoff (Schüler Kekulés) ist der 1. Nobelpreisträger für Chemie (1901). Unter den folgenden 60 Nobelpreisträgern sind 44 Namen aus der Liebig-Schule. Die von ihrem Gründer ausgehende, bis in unsere Zeit reichende Wirkung kann eindeutiger nicht belegt werden.

Im Jahre 1852, also nach 28 Jahren intensiver Arbeit in Gießen, wechselt Liebig nach München. Dort errichtet man ihm nach seinen Wünschen ein hochmodernes Institut mit großzügigen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Er ist weitgehend vom Lehrbetrieb befreit und kann sich so der Durchsetzung seiner wissenschaftlichen Arbeiten, z.B. der Agrikulturchemie, widmen.

Daneben betätigt er sich auf publizistischem Gebiet:
Das wissenschaftliche Magazin "Annalen der Chemie", das er bereits ab 1832 zusammen mit Philipp Lorenz Geiger zunächst unter dem Titel "Annalen der Pharmazie" herausgab und das nach 1873 als "Liebigs Annalen der Chemie" erschien, war derart angesehen, daß eine Arbeit auf chemischem Gebiet erst dann etwas galt, wenn sie darin erschienen war. Damit war Deutsch zur chemischen Weltsprache geworden und hatte Französisch abgelöst.
Liebigs chemische Briefe, die zunächst als Wissenschaftskolumne in einer Tageszeitung - der "Augsburger Allgemeinen Zeitung" - erschienen, stellen einen Meilenstein, wenn nicht den Beginn der fundierten populärwissenschaftlichen Literatur dar.

Liebig erzielte eine große Breitenwirkung auch durch seine allgemeinverständlichen Abendvorlesungen, die durchaus zu einer gesellschaftlichen Institution in den gehobenen Münchener Kreisen wurden. Darüber hinaus fallen in diese Zeit eine Reihe von Erfindungen mit oftmals weitreichenden Konsequenzen:

Viele der von Liebig zuerst isolierten Pflanzenstoffe oder neu hergestellten Verbindungen fanden später praktische Verwendung, so das Chloralhydrat als Schlafmittel, Chloroform als Narkotikum und Pyrogallol als fotochemischer Entwickler.

Man sieht hieraus, daß schon diese Nebenergebnisse der Liebigschen Arbeit der Technik manche Anregung oder methodische Verbesserungen eintrugen und das Wirtschaftsleben nachhaltig beeinflußten.

Justus von Liebig stirbt im April 1873 in München als hochangesehener Mann an einer Lungenentzündung.


Texte und Abbildungen stammen im wesentlichen aus:
Siegfried Heilenz: „Das Liebig-Museum in Gießen - Führer durch das Museum und ein Liebig-Porträt, aktuell kommentiert“, Verlag der Ferber'schen Universitätsbuchhandlung Gießen (2. Auflage 1988, ISBN 3-922730-66-3)
und sind hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags wiedergegeben.

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