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Geschichte des Liebig-Laboratoriums in Gießen
von Günther Klaus Judel

Das Museum als Anziehungspunkt

Ein Museum ist kein Selbstzweck, sondern es soll eine Aufgabe erfüllen. Im Falle des Liebig-Museums heißt das Ziel: Forschung über Liebigs Lebenswerk und Darstellung von Liebigs Leben und Schaffen in Gießen für jeden interessierten Besucher. Und es versteht sich von selbst, daß es mög-lichst viele Besucher sein sollten. Wie aber macht man ein Museum attraktiv und für jederman sehenswert?

Die Antwort ist leicht, aber schwer zu realisieren: Das Museum muß mit seinen Ausstellungsstücken und deren leicht verständlicher Darstellung den Besucher interessieren, ihn ansprechen und so sehr beeindrucken, daß er sich durch das Gesehene bereichert fühlt und er es möglichst lange als angenehme Erinnerung im Gedächtnis behält.

Damit ist ein Problem angesprochen, das schon seit der Eröffnung des Museums im Jahre 1920 bestand. Es war der Umstand, daß für eine Einzelperson der Besuch des Museums im allgemeinen zwar ganz interessant sein mag; es bleiben ihm aber viele Einzelheiten verborgen. Erst im Rahmen einer Führung durch eine fachkundige Person kann auf viele interessante Details hingewiesen werden, kann auf die Geschichte und Bedeutung einzelner Geräte und Apparate aufmerksam gemacht werden, kann auch auf die anekdotenhaften Episoden, die mit einzelnen Personen oder Geräten verbunden sind, eingegangen werden.

Einen ersten Anlauf zur Behebung dieses Mangels unternahmen die Professoren Dr. Fritz Kröhnke und Dr. Willi Weis, als sie 1964 die kleine Broschüre „Justus von Liebig und das Gießener Liebig-Museum“ verfaßten. Sie sollte den Besuchern ohne fachkundige Führung ein Zurechtfinden im Museum und das Verständnis des Gesehenen erleichtern.

Wesentlich verbessert wurde diese Information, als Dr. Siegfried Heilenz 1982 eine Dia-Schau mit Bildern aus Liebigs Leben und Schaffen zur allgemeinen Einführung im Hörsaal des Liebig-Museums installierte, die jedem Besucher zu Beginn seines Rundganges vorgeführt wird.

Gleichzeitig gestaltete er einen farbig illustrierten Führer für „Das Liebig-Museum in Gießen“, der detailliert über Liebig und die im Museum gezeigten Gerätschaften Auskunft gibt. Schließlich brachte er noch die Broschüre „Eine Führung durch das Liebig-Museum in Gießen“ heraus, mit deren Hilfe er den Besucher durch das ganze Museum begleitet, auf Besonderheiten in jedem Raum hinweist und zuweilen auch Anekdoten zu bestimmten Exponaten erzählt. Mit diesem Informationsmaterial kann der Besucher, wenn er sich die Zeit dazu nimmt, gemächlich durch das ganze Museum streifen und sich aus den Heften alle wesentlichen Ausstellungsstücke kompetent und ansprechend erklären lassen.

Natürlich sind nicht alle Besucher Deutsche, sondern es kommen auch viele Ausländer aus allen Teilen der Welt. Ihrer Wißbegier wird dadurch Rechnung getragen, daß der oben angeführte Führer zweisprachig ist - entweder Deutsch/Englisch oder Deutsch/Französisch. Darüber hinaus sind alle Exponate mit Ziffern versehen und es sind Broschüren vorhanden, die man ausleihen kann, und die die Erklärungen zu allen Ziffern in je einer Sprache enthalten. Insgesamt sind es Broschüren in 11 verschiedenen Sprachen von Dänisch bis Ungarisch und selbstverständlich in den Weltsprachen Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch.

Um die Verständlichkeit weiter zu verbessern, geht das Bestreben neuerdings dahin, möglichst viele Ausstellungsstücke direkt am Ort in Deutsch, Englisch und Französisch zu erklären.

Die beste Möglichkeit, das Museum kennen zu lernen, ist und bleibt aber eine kompetente Führung, eventuell verbunden mit einer Experimentalvorlesung, wie sie zu Zeiten Liebigs üblich war. Auf diese Weise erschließt sich dem Besucher die ganze Tragweite der Liebig'schen Forschung und ihre Bedeutung auch für die heutigen Menschen. In der Experimentalvorlesung läßt sich wenigstens andeutungsweise darstellen, mit welchen vergleichsweise einfachen Mitteln Liebig Entdeckungen und Erfindungen machte, die eine ganz neue Wissenschaft (die Organische Chemie) und einen ganzen Industriezweig begründeten (die Chemische und die Pharma-Industrie).

Im übrigen ist das Liebig-Museum nicht dort stehen geblieben, wo es schon vor 30 oder 40 Jahren war, sondern es ist weiterhin bemüht, interessante Ausstellungsstücke, die mit Liebig in Zusammenhang stehen, zu erwerben. So konnten in den letzten Jahren verschiedene Möbel Liebigs und Gemälde von Mitgliedern seiner Familie, Bilder seiner Freunde, seiner Mitarbeiter und Schüler und natürlich Briefe von und an Liebig und zahlreiche Dokumente beschafft werden.

Eine interessante Neuerwerbung war auch die Aufstellung eines „Talking Head Justus Liebig“ im Pharmazeutischen Labor des Museums. Der Talking Head, eine sprechende, lebensecht wirkende Puppe mit dem Aussehen Liebigs, war mehrere Jahre lang Hauptanziehungspunkt einer von der Hessischen Chemischen Industrie durchgeführten Wanderausstellung. Nach Ende der Ausstellungsserie wurde der Talking Head dem Liebig-Museum zur Übernahme angeboten. Das Museum kam damit in den Besitz einer wirklichen Rarität, die bei den Besuchern einen tiefen Eindruck hinterläßt.

Der Träger des Museums, die Gesellschaft Liebig-Museum e.V. Gießen, hat sich 1989 einen neuen Namen gegeben und nennt sich seither „Justus Liebig-Gesellschaft e.V. zu Gießen“. Verbunden mit dieser Namensänderung war die Absicht, aus der ausschließlichen Museumsarbeit herauszutreten und neben den bisherigen Aufgaben verstärkt durch wissenschaftliche Arbeiten, Veröffentlichungen und Tagungen das Wissen über das Leben und Wirken Liebigs und dessen Bedeutung für den heutigen Menschen zu beleben.

Wie oben erwähnt, konnte Frau Herta von Dechend bereits 1953 ihre Doktorarbeit über Liebigs Schaffen mit Unterstützung der damaligen Gesellschaft Liebig-Museum durchführen. In ihre Fußstapfen trat 1987 Patrik E. Munday, ein Doktorand der Cornell University in New York / USA, der drei Wochen lang Liebig-Briefe, Dokumente und Bücher des Liebig-Museum sichtete und für seine Arbeit Notizen und Kopien anfertigte. Die daraus entstandene Doktorarbeit beschäftigt sich mit dem sozialen Aufstieg Liebigs, bedingt durch sein Studium und seine späteren Erfolge, und der weltweiten Bedeutung seiner „Agrikulturchemie“.

Ihm folgte 1989 Mark Finlay, ein Doktorand der Iowa State University in Ames, Iowa / USA, der zu 4-wöchigen Forschungsarbeiten über Liebig in unserem Dokumenten-Archiv und unserer Bibliothek hospitierte. Das Ergebnis war eine Doktorarbeit über den Aufbau und die Entwicklung der deutschen landwirtschaftlichen Versuchsstationen im vorigen Jahrhundert, deren Zusammenwirken mit Liebig und ihr großer Einfluß auf die Akzeptanz der Liebig'schen Lehren.

Nicht nur Doktoranden der Geschichte der Naturwissenschaften interessieren sich weiterhin für Justus Liebig, auch eine Reihe von Autoren haben sich mit Liebigs Leben und seinen Werken beschäftigt und wurden hierbei durch das Liebig-Museum mit Kopien von Liebig-Briefen, Dokumenten und Bildern unterstützt. Auf diese Weise ist in den letzten Jahren eine Reihe von Bücher n und Arbeiten erschienen, die Liebigs Leben unter verschiedenen Aspekten beschreiben.

Direkt von der Justus Liebig-Gesellschaft e.V. Gießen initiiert, geplant und in Zusammenarbeit mit der Justus-Liebig-Universität durchgeführt wurden mehrere Symposien, die Liebigs Leben beleuchten oder die Verbindung zwischen seinen und heutigen Forschungsarbeiten herstellen. Das erste fand im Herbst 1990 statt und stand unter dem Motto „150 Jahre Agrikulturchemie“. Zwei Jahre später folgte ein Symposium zum Thema „150 Jahre Tierchemie“. Das Symposium 1994 war Liebigs und heutigen Arbeiten „Vom Knallsilber zur modernen Nitriloxidchemie“ gewidmet. Wie modern im heutigen Sinne und weit vorausschauend Liebig schon vor 150 Jahren dachte, machte das 1996 abgehaltene Symposium „Was Liebig ahnte, aber nicht wissen konnte: Von der Energie über die Entropie zur fraktalen Struktur der Materie“ deutlich. Die Symposien waren in der Regel von 100 bis 200 Personen gut besucht und fanden großen Anklang. Sie sollen in den Folgejahren mit weiteren interessanten Themen fortgesetzt werden.

Parallel zu diesen Aktivitäten wurden alle Räume des Museums in den letzten Jahren renoviert, viele Exponate fachkundig restauriert und ihre Beschriftungen mehrsprachig gestaltet. So präsentiert sich heute das Museum in neuem Glanz. Es gibt den Besuchern einen interessanten Einblick in Liebigs Leben und Schaffen. Darüber hinaus vermittelt es ihm eine plastische Vorstellung, unter welchen Bedingungen vor nunmehr 150 Jahren in Gießen geforscht und gelehrt wurde und welche Ausdauer und welcher Einfallsreichtum Liebig, seinen Mitarbeitern und Schülern zueigen sein mußte, um mit den damaligen relativ einfachen Geräten und Arbeitsmitteln bahnbrechende Entdeckungen und Erfindungen zu machen, die die Organische Chemie und die Agrikulturchemie begründeten und die entscheidend dazu beitrugen, die deutsche chemische Industrie zur Weltspitze aufsteigen zu lassen.

  1. Bau einer Kaserne
  2. Liebig's Laboratorium
  3. Liebig's Nachfolger
  4. Interregnum
  5. Aufbau des Liebig-Museums
  6. Gute und schlechte Zeiten
  7. Wiederaufbau
  8. Fortschreiten und bewahren
  9. Das Museum als Anziehungspunkt