Themen


Geschichte des Liebig-Laboratoriums in Gießen
von Günther Klaus Judel

Fortschreiten und bewahren

Im Sommer 1957 feierte die Gießener Hochschule ihr 350jähriges Bestehen und wurde bei dieser Gelegenheit in die Justus-Liebig-Universität umgewandelt. In der Festveranstaltung wurde u. a. auch Dr. Fritz Merck, Darmstadt, der langjährige 1. Vorsitzende der Gesellschaft Liebig-Museum für seine Verdienste um den Wiederaufbau des Liebig-Museums, die Förderung der Liebig-Forschung und die Förderung der chemischen Forschung zum Ehrensenator der Justus-Liebig-Universität Gießen ernannt.

Eine zusätzliche Ehrung erfuhr das Liebig-Museum als der Bundespräsident, Prof. Dr. Theodor Heuß, zur Jahresfeier der Justus-Liebig-Universität am 1. Juli 1959 erschien. Am Nachmittag besichtigte er in Begleitung des hessischen Bildungsministers Prof. Schütte, des Gießener Oberbürgermeisters Oswald und des Rektors der Universität, Prof. Ankel, unter Führung von Dr. Fritz Merck das Liebig-Museum, die Gedenkstätte für den Großvater seiner Ehefrau. Prof. Heuß zeigte sich an vielen Einzelheiten interessiert, hatte er doch vor Jahren selbst ein Broschüre über Liebig verfaßt mit dem Titel „Justus von Liebig, vom Genius des Forschens“.

Wenig später begann sich die Umgebung des Liebig-Museums radikal zu verändern, denn die Bundespost ließ im Frühjahr 1962 unmittelbar neben dem Liebig-Museum eine 11 m tiefe Baugrube ausheben zur Errichtung eines vielstöckigen Fernmeldeamtes. Die Post war immerhin bereit, auf die Belange des Liebig-Museums Rücksicht zu nehmen. So wurde das Fundament des Museums durch eine Betonuntermauerung gefestigt, um einen Einsturz der Außenwand zu verhindern. Zwei Jahre später war der gigantische Bau fertiggestellt. Er überragt das Museum beträchtlich und läßt es nun vergleichsweise winzig erscheinen.

Ein weiterer Anschlag auf das Liebig-Museum ging von der Stadt Gießen aus, die 1967 in einem Planfeststellungsverfahren die Absicht äußerte, die Stufen vor der Stirnseite des Museums zu beseitigen. Dieses Vorhaben, das das Aussehen des unter Denkmalschutz stehenden Museums an der Portalseite völlig verändert hätte, konnte in letzter Minute mit Hilfe des Landeskonservators durch Einspruch verhindert werden.

Andererseits erhielt das Museum auch eine Bereicherung, als 1968 das Geburtshaus des großen in Gießen geborenen Chemikers A. W. von Hofmann am Selterstor (älteren Gießenern bekannt als Café Hettler) abgerissen wurde, um einem Geschäftshaus Platz zu machen. Die an dem Hause befindliche Gedenktafel wurde vor dem Abbruch aus der Mauer gelöst und im Eingangs-Flur des Liebig-Museums aufgestellt.

Danach kehrte im Museum relative Ruhe ein. Das Gebäude war im wesentlichen saniert und die Innenräume renoviert. Die Exponate waren im Rahmen des Möglichen wieder vollständig, allerdings teilweise in schlechtem Zustand. Doch zu ihrer Restaurierung fehlte einerseits das Geld, andererseits eine fachkundige Person in Gießen und schließlich wurde auch die Meinung vertreten, daß in einem Museum die aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Exponate nicht wie neu aussehen müßten.

Im Laufe der Jahre stellte sich aber heraus, daß die Heizung des Museums im Winterhalbjahr den Etat mit beträchtlichen und ständig steigenden Summen belastete. Die Ursache hierfür lag auf der Hand: Die Museumsräume waren nach außen schlecht isoliert. Außerdem nagte der Zahn der Zeit an der Außenfassade, so daß sie Risse bekam und stärker geschädigte Teile abbröckelten. Und schließlich war auch das mitlerweile 80 Jahre alte Dach so marode, daß es jährlich größere Reparaturen benötigte, um halbwegs dicht zu bleiben.

Der Vorstand des Museums trat in dieser Situation an befreundete Industrieunternehmen heran mit der Bitte um Hilfe. Die Antwort kann mit dem Bibelwort umschrieben werden: „Wer bittet, dem soll gegeben werden“ (Matt.7,7). Die Fa. Bayer AG, Leverkusen, erklärte sich bereit, den Einbau von Doppelfenstern in allen Räumen des Museums zu finanzieren. Und die Gießener Fa. Canon Gießen GmbH spendete Geld für eine Generalrenovierung der Außenfassade.

Mit der Neueindeckung des Daches gab es allerdings nicht nur finanzielle sondern auch sachliche Probleme insofern, als die Denkmalschutz-Behörde anstelle des vorhandenen Daches aus Biberschwanz-Ziegeln ein solches aus Schiefer wünschte, welches mindestens 50% mehr kosten würde. Aus den eigenen Mitteln standen aber nur die Ersparnisse aus mehreren Jahren in Höhe von DM 120.000 zur Verfügung. Schließlich erklärten sich nach längeren Verhandlungen das Hessische Landesamt für Denkmalsschutz in Wiesbaden und die Stadt Gießen bereit, den Differenzbetrag für die geforderte Eindeckung in Schiefer bereitzustellen. So konnte im Jahre 1995 als letzte aber sehr wichtige Maßnahme zur langfristigen Erhaltung der Bausubstanz des Liebig-Museums das Dach völlig erneuert werden.

Die Außenhaut des Museums befindet sich seitdem in einem einwandfreien Zustand. Alle weiteren Maßnahmen konnten sich nun auf die Verbesserung der Innenräume und der Exponate konzentrieren.

  1. Bau einer Kaserne
  2. Liebig's Laboratorium
  3. Liebig's Nachfolger
  4. Interregnum
  5. Aufbau des Liebig-Museums
  6. Gute und schlechte Zeiten
  7. Wiederaufbau
  8. Fortschreiten und bewahren
  9. Das Museum als Anziehungspunkt