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Geschichte des Liebig-Laboratoriums in Gießen
von Günther Klaus Judel

Gute und schlechte Zeiten

Zwei Jahre später war es so weit: Am 26. März 1920 konnte das Liebig-Museum von Prof. Sommer in Anwesenheit der Honoratioren der Stadt, der Universität und vieler Gießener Bürger feierlich eröffnet werden. Der Festakt fand in der Neuen Aula der Universität statt mit Glückwünschen von vielen Seiten und mehreren Festvorträgen. Zum Abschluß der Einweihungsfeierlichkeiten führte das Gießener Stadttheater am Abend „Die chemische Hexenküche“ auf, ein Spiel in 4 Szenen, das Prof. Sommer zu diesem Zweck verfaßt hatte. Darin hatte er nicht nur den Werdegang Justus Liebigs und sein Leben in humorvoller Weise dargestellt, sondern auch den lokalgeschichtlichen Hintergrund in sehr ansprechender Form berücksichtigt. Die Zuschauer im ausverkauften Hause waren begeistert.

In den folgenden Jahren zog das Museum einen ständig steigenden Strom von Besuchern aus aller Welt, Wissenschaftler ebenso wie Laien, in seine Mauern. Auch die Anzahl der Mitglieder der Gesellschaft Liebig-Museum stieg an.

Aber auch die Probleme blieben nicht aus: Die extreme Geldinflation der Jahre 1920 bis 1925 ging an dem Liebig-Museum nicht spurlos vorüber. Die Fortführung des Museums als Gedenk- und Forschungsstätte für Liebig und sein Lebenswerk war von Jahr zu Jahr schwieriger geworden. Nach der Einführung der Reichsmark im Oktober 1925 war das Museum praktisch mittellos. Die Wende zum Positiven brachte ein erneuter Spendenaufruf in Fach- und Tageszeitungen. Erhebliche Gelder wurden von der Industrie und vielen Privatpersonen gespendet. Der Fortbestand des Museums war dadurch gesichert.

Aus Anlaß der 125. Wiederkehr von Justus Liebigs Geburtstag fand am 12. Mai 1928 in Bad Salzhausen die Enthüllung einer Liebig-Gedenktafel am dortigen „Laboratorium“ statt. Diese Räume hatte Liebig benutzt, als er in den ersten Jahren seiner Gießener Tätigkeit die Zusammensetzung der Salzhausener Quellen untersuchte und eine industrielle Salzgewinnung anregte, die jahrelang auch betrieben wurde.

Zwei Monate später hatte die Stadt Gießen zu Ehren Liebigs Flaggenschmuck angelegt. Ein Empfangsausschuß begrüßte die Gäste aus dem In- und Ausland vor dem Museum. Anschließend folgte eine Besichtigung der Räume unter Führung von Prof. Sommer, der insbesondere anhand der Öfen, Abzüge und Apparate darauf hinwies, wie Liebig hier in systematischer Arbeit eine neue Technik des Unterrichts entwickelt hatte, die seither Generationen von Naturwissenschaftlern zugute gekommen war. - Am Nachmittag beendete ein Gang zum Liebig-Denkmal an der Ostanlage und danach eine Wanderung zur Liebigshöhe die eindrucksvolle Tagung.

Bei der Einweihung des Liebig-Museums im Jahre 1920 war einzig das Pharmazeutische Labor nicht fertig gewesen, weil die Firma, die die eisernen Herde nach den alten Plänen herstellen sollte, im Kriege zunächst ganz auf Waffenproduktion umgestellt worden und später in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Der Auftrag war schon 1914 erteilt worden, vorübergehend zurückgestellt und letztlich erst 1930 ausgeführt worden. Das Pharmazeutische Laboratorium, das nun in mühevoller Kleinarbeit wieder ganz in seiner ursprünglichen Form restauriert worden war, kann man als die Keimzelle der deutschen Chemisch-Pharmazeutischen Industrie betrachten. Am 19. Juli 1930 konnte das Labor im Rahmen der jährlichen Mitgliederversammlung eingeweiht und damit der Öffentlichkeit übergeben werden.

Prof. Dr. Robert Sommer, der Gründer, langjährige Leiter der Renovierungsarbeiten im Liebig-Laboratorium und spätere Vorsitzende der Gesellschaft Liebig-Museum e.V. Gießen, starb am 2. Februar 1937 im Alter von 73 Jahren. Ohne ihn wäre das Museum vielleicht nicht entstanden. - Auf der Mitgliederversammlung im Juli wurde Herr Dr. Fritz Merck, der Sohn des Museumsgründers und großzügigen Sponsors Geheimrat Dr. Emanuel A. Merck, zum 1. Vorsitzenden der Gesellschaft und Prof. Dr. Ernst Weitz, Gießen, zum 2. Vorsitzenden gewählt.

Der zweite Weltkrieg (1939-1945) überschattete die Weiterentwicklung des Museums: Die Besucherzahlen gingen stark zurück und Verbesserungen im Museum konnten, da nicht kriegswichtig, kaum mehr ausgeführt werden. Die Katastrophe kam am 6. Dezember 1944, als bei einem Fliegerangriff auf Gießen das „Alte Labor“ im vorderen Teil des Gebäudes durch eine Bombe zerstört wurde. Die Bombe fiel durch das Dach bis in den Keller und explodierte dort, wodurch das Dach, die Zwischendecken und ein Teil des Gemäuers einstürzten. Die rechtzeitig magazinierten Bestände an Briefen, Büchern und Gerätschaften blieben aber im wesentlichen erhalten. Der Magistrat der Stadt Gießen ließ das Gebäude sofort wenigstens so weit instand setzen, daß es vor Witterungseinflüssen geschützt war. Das Museum mußte aber für mehrere Jahre geschlossen werden.

  1. Bau einer Kaserne
  2. Liebig's Laboratorium
  3. Liebig's Nachfolger
  4. Interregnum
  5. Aufbau des Liebig-Museums
  6. Gute und schlechte Zeiten
  7. Wiederaufbau
  8. Fortschreiten und bewahren
  9. Das Museum als Anziehungspunkt