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Geschichte des Liebig-Laboratoriums in Gießen
von Günther Klaus Judel

Liebig's Laboratorium

Die neu erbaute Kaserne stand in den drei folgenden Jahren leer. Zwar wurden zwischen dem für Liegenschaften des Großherzogs zuständigen Hessischen Finanzministerium und der Universität Gießen Verhandlungen zur Übernahme der Kaserne für Zwecke der Universität geführt, aber erst Ende 1823 konnte man sich über die Modalitäten einigen Das Hauptgebäude der freigewordenen Kaserne wurde anfangs von verschiedenen Instituten der Universität genutzt, 1827 aber in ein „Akademisches Spital“ umgewandelt, ein Krankenhaus der Universität also, das man im Volksmund später kurz „Alte Klinik“ nannte. Diese „Alte Klinik“ wurde 1944 durch Bombentreffer stark beschädigt und in den 60er Jahren abgerissen. Dort steht heute das große Fernmeldeamt. In das Wachhaus an der Ecke Frankfurterstraße/Liebigstraße zog eine Polizeistation ein. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war hier die von Prof. Leutert geleitete Hals-, Nasen- und Ohrenklinik untergebracht. Diese wurde in den 50er Jahren abgetragen.

Das zweite Wachhaus (neben dem jetzigen Hauptzollamt) erhielt Justus Liebig, um dort ein Laboratorium einzurichten. Liebig war mit Dekret vom 26. Mai 1824 zum außerordentlichen Professor, ein Jahr später zum ordentlichen Professor für Chemie und Pharmazie in Gießen ernannt worden. Das Laboratoriumsgebäude war verhältnismäßig klein. Es bestand im Parterre aus einem größeren Raum, dem „Alten Labor“ und vier kleineren Räumen, Wiegezimmer, Magazin, Spülraum und Schreibzimmer. Im Obergeschoß bezog Liebig eine Privatwohnung, wo er in der Folge mit seiner Frau und letztendlich fünf Kindern lebte. Wie damals in Gießen üblich, benutzte Liebig zunächst ein Privatzimmer im Obergeschoß stundenweise als Hörsaal für seine anfangs 12 Studenten.

Durch seinen großen Arbeitseifer und die schnell steigende Anzahl seiner Studenten bei beengten Laborverhältnissen hatte Liebig sich zu Beginn des Jahres 1832 völlig überarbeitet und war einem Zusammenbruch nahe. Um sich aus diesen Widrigkeiten zu befreien, plante er eine Übersiedlung nach Darmstadt, um dort eine private Chemieschule aufzubauen. Dem Kanzler der Universität, Justin von Linde, lag aber sehr daran, Liebig in Gießen zu halten. So erklärte er sich nach Rücksprache mit dem Ministerium bereit, an das Laborgebäude nach Südwesten hin einen Anbau zu errichten, in dem Liebig ein eigenes Arbeitszimmer und ein Privatlabor erhielt. Im Obergeschoß des Anbaus wurden Wohnzimmer erstellt, die Liebig zur Verfügung standen. Er brachte dort seine Gäste unter und vermietete einen Teil der Räume an Studenten.

Als Liebig im Sommer 1838 einen Ruf an die Universität St. Petersburg in Rußland erhielt, konnte er in Bleibeverhandlungen erreichen, daß ihm der Kanzler einen weiteren Anbau zugebilligte. So wurde in den Jahren 1839/40 nach den Plänen des Gießener Architekten Joh. Phil. Hofmann an das vorhandene Laboratorium ein eingeschossiger Querflügel angebaut. Hier konnte das Pharmazeutische Laboratorium, eine Bibliothek, ein zweites Wägezimmer, ein Analytisches Labor und ein Hörsaal mit 70 Plätzen untergebracht werden. Vor allem die Einrichtung des Analytischen Labors war für damalige Verhältnisse ganz ungewöhnlich und praktisch so richtungsweisend, daß sie in der Folge zum Vorbild und „zur Mutter aller chemischen Institute des ganzen Welt“ (Aussage des Chemikers Prof. A. W. von Hofmann) wurde.

Durch die Bleibeverhandlungen hatten sich auch die finanziellen Verhältnisse Liebigs erheblich gebessert. An der Frankfurterstraße (heute Nr. 12) baute er ein mehrstöckiges Wohnhaus, das er als Alterssitz zu nutzen gedachte. Im Hinterhaus lagen Räume für ein Labor, in dem er gegebenenfalls seine Versuche im Ruhestand fortsetzen wollte.

Anfang der 50er Jahre bemühte sich Prof. Max von Pettenkofer, Liebig an die Universität München zu holen. Liebig konnte sich dazu nicht entschließen, weil er sich verpflichtet fühlte, seinem Vaterland Hessen treu zu bleiben. Als sich aber der bayerische König Maximilian persönlich einschaltete, Liebig zu einer Audienz einlud und ihm bei dieser Gelegenheit ein neues Chemisches Institut mit großem Privathaus ganz nach Liebigs Wünschen und völlige Freiheit in Forschung und Lehre versprach, konnte er nicht mehr Nein sagen. Im Sommer 1852 verließ Liebig Gießen, wo er insgesamt 28 Jahre gewirkt hatte. Durch seine Forschungen, seine Lehrtätigkeit und seine Veröffentlichungen auf dem Gebiete der Chemie, der Pharmazie und der Physiologie hatte er Weltruhm erlangt. Sein Laboratorium war zum Mekka für Chemiker aus aller Herren Länder geworden.

  1. Bau einer Kaserne
  2. Liebig's Laboratorium
  3. Liebig's Nachfolger
  4. Interregnum
  5. Aufbau des Liebig-Museums
  6. Gute und schlechte Zeiten
  7. Wiederaufbau
  8. Fortschreiten und bewahren
  9. Das Museum als Anziehungspunkt