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Geschichte des Liebig-Laboratoriums in Gießen
von Günther Klaus Judel

Wiederaufbau

Nach dem Kriege war wegen der zahlreichen und umfangreichen Zerstörungen an Wohn- und Geschäftshäusern in Gießen an eine Beseitigung aller Schäden am Liebig-Museum zunächst nicht zu denken.Nach der Währungsreform (Juni 1948) besserte sich die Lage aber überraschend schnell und so konnte eine gewisse an den geringen geldlichen Mitteln orientierte Renovierung beginnen. Auch die Stadtverwaltung war bereit, die Beseitigung der schwerwiegendsten Schäden an den Gebäuden finanziell zu unterstützen.

Im Obergeschoß des Liebig-Museums wohnten in diesen Jahren verschiedene in Gießen ausgebombte Familien. Im Hörsaal war die Nähstube der Arbeiterwohlfahrt untergebracht. In anderen Räumen hatten die CDU und ein Gießener Kaufmann ihre Büros. Die übrigen Räume wurden seit Jahren weder gepflegt noch gereinigt und wegen der allgemeinen Kohlenknappheit auch nicht geheizt. Vor allem die an den Wänden hängenden Bilder haben unter diesen feucht-kalten Verhältnissen sehr gelitten.

Da das Liebig-Haus in Darmstadt im Kriege vollständig zerbombt und die Stadt durch den Wiederaufbau zerstörter Wohnungen finanziell sehr angespannt war, sah sie sich außerstande, ein neues Liebig-Haus zu errichten. Infolge dieser Situation beschloß die „Vereinigung Liebig-Haus e.V. Darmstadt“ im Juli 1950 ihre Auflösung. Die geretteten Bestände der Vereinigung an alten Akten, Briefen, Büchern, Plaketten und Photographien wurden teils dem Hessischen Staatsarchiv, teils der Gesellschaft Liebig-Museum e.V. Gießen übergeben.

Zu den Bildern gehörte auch ein Portrait Liebigs etwa aus dem Jahre 1856. Dieses Bild wurde von dem Maler Wilhelm Trautschold zweifach gemalt. Das eine Bild erhielt Moritz Carrière, der Schwiegersohn Liebigs. Das andere Bild ging an die Familie Muspratt in Liverpool, mit der Liebig eng befreundet war. Die Tochter Julia Muspratt überließ das Gemälde später der Chemical Society of London. Diese ließ 1929 von dem Bild eine Kopie anfertigen, die sie der befreundeten Deutschen Chemischen Gesellschaft schenkte. Letztere suchte einen würdigen Standort für das Bild und entschied sich schließlich für die „Vereinigung Liebig-Haus e.V. Darmstadt“. Mit der Auflösung der Vereinigung kam das Bild nun zum Liebig-Museum in Gießen.

Das Carrière-Bild lieh sich 1906 der hessische Großherzog Ernst Ludwig aus und ließ hiervon durch die Berliner Malerin Pichon zwei gute Kopien herstellen. Die eine schenkte er der Gießener Universität (sie hängt dort heute in der Aula), die andere dem Deutschen Museum in München.

Ein weiteres Liebig-Portait schuf 1849 der Maler Heinrich von Hofmann für die englische Queen Victoria. Dieses Bild hängt im Buckingham Palast in London.

Im Herbst 1950 erkannte Dr. Fritz Merck, daß die aus dem Kriege verbliebenen Schäden am Liebig-Museum insgesamt so groß waren, daß sie nicht aus eigener Kraft behoben werden konnten. Deshalb trat er mit einem Aufruf an die Industrie und viele Einzelpersonen im In-und Ausland heran, um für Spenden zum Wiederaufbau des Museums zu werben. Da der erste Aufruf nicht genügend Geld erbrachte, ließ er im Januar 1951 einen zweiten folgen.

Mit den gespendeten Geldern konnte eine Reparatur des Daches, der Außenwände und der eingestürzten Zwischendecken vorgenommen werden. Nur die Restaurierung des zerstörten Alten Labors mußte noch zurückgestellt werden. Um die Exponate, Bilder, Schriften usw. des Liebig-Museums vor Einbruch und Diebstahl zu schützen, wurden alle Fenster im Erdgeschoß mit Eisengittern versehen.

Am 1. Juli 1952 war es endlich möglich, die Pforten des Liebig-Museums wieder für Besucher zu öffnen. Als Auftakt veranstaltete die Gießener Studentenschaft am Vorabend der Feier einen Fackelzug durch die Gießener Straßen zu Ehren Liebigs. Zu dem Festakt am Vormittag waren 15 Angehörige der Familie Liebig erschienen, darunter Dr. Heinrich Freiherr von Liebig, der letzte Träger des Freiherrlichen Namens. Den Festvortrag über das Thema „Liebig und seine Zeit“ hielt Prof. Dr. Hartner, Frankfurt. Am Nachmittag im Hörsaal folgte auf die Darstellung der „Geschichte des Liebig'schen Laboratoriums“ durch Herrn Dr. Fritz Merck die eigentliche Eröffnung mit einem Rundgang durch die Räume des wiederhergestellten Museums.

Im folgenden Jahre am 12. Mai wurde gemeinsam mit der Stadt Gießen und der Justus-Liebig-Hochschule der 150. Geburtstag des Meisters mit der Enthüllung des neuen Liebig-Denkmals an der Ostanlage und einer Kranzniederlegung gefeiert. Das Denkmal besteht aus einer Säule, die auf einem seitlichen Podest den Kopf Liebigs trägt. Der Kopf aus Marmor ist das Original vom alten, 1945 zerstörten Liebig-Denkmal.

Der Festakt fand zuvor im Stadttheater statt, wo der Rektor der Gießener Hochschule die Wiedereinführung des Justus-von-Liebig-Preises für hervorragende Doktorarbeiten verkündete. Anschließend hielt der Nobelpreisträger Prof. Dr. Adolf Butenandt, Tübingen, den Festvortrag über „Der intermediäre Tryptophan-Stoffwechsel als Beispiel für die Entwicklungslinien biochemischer Forschung seit dem Wirken Liebigs.“ Ein Teil der Anwesenden besuchte am Nachmittag das Liebig-Museum, wo eine Führung von Dr. Fritz Merck stattfand. Prof. Butenandt war von der Darstellung der Liebig'schen Forschung tief beeindruckt. „Wie in einem Gotteshaus kommt man sich vor“, sagte er beim Abschluß des Rundganges.

Im gleichen Jahre schloß Frau Herta von Dechend, Assistentin am Institut für Geschichte der Naturwissenschaften in Frankfurt, ihre von der Gesellschaft Liebig-Museum finanziell geförderte Doktorarbeit über „Justus von Liebig in eigenen Zeugnissen und denen seiner Zeitgenossen“ ab. Die Arbeit erschien gleichzeitig als Buch im Verlag Chemie, Weinheim.

Etwa zur gleichen Zeit gelang es, ein Bild des Chemischen Instituts in München zu erwerben, das König Maximilian I. von Bayern nach Liebigs Vorstellungen für diesen bauen ließ. Das Institut, an der Arcisstraße 1 (heute Meiserstraße 1) gelegen, stieß direkt an das stattliche Wohnhaus der Familie Liebig an. Die Räume waren so weitläufig, daß Liebig zu besonderen Anlässen annähernd 200 Personen einladen und bewirten konnte. Institut und Wohnhaus wurden im zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört und später abgetragen. Das im Kriege schwer beschädigte „Alte Labor“ konnte 1956 in mühseliger Kleinarbeit wieder hergestellt und in das Museum eingegliedert werden. Zur Ausstattung des Labors mit Gegenständen wurde der Gesellschaft vom Deutschen Apotheken-Museum, das zu dieser Zeit sein Domizil noch im Bamberger Schloß hatte, eine Anzahl alter Original-Retorten, -Destillierapparate und -Schmelztiegel überlassen, wie sie zur Zeit Liebigs verwendet wurden.

  1. Bau einer Kaserne
  2. Liebig's Laboratorium
  3. Liebig's Nachfolger
  4. Interregnum
  5. Aufbau des Liebig-Museums
  6. Gute und schlechte Zeiten
  7. Wiederaufbau
  8. Fortschreiten und bewahren
  9. Das Museum als Anziehungspunkt