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(5) Assistentenzimmer

 
 

Im Dienstzimmer des Famulus, d.h. des ersten Assistenten oder auch Vorlesungsassistenten, wird heute Liebigs agrikulturchemische Lehre in ihren wichtigsten Aussagen und den sich daraus ergebenden Folgerungen dargestellt.

Das Ernährungsproblem

Die wichtigste wissenschaftliche Leistung Liebigs ist wohl die Entwicklung der Mineralstofftheorie. Ihre Durchsetzung im 20jährigen Kampf gegen eine geschlossene Front von Gegnern ist eine historische Leistung von nicht zu überschätzender Tragweite. Die Mineralstofftheorie erklärt das Prinzip der pflanzlichen Ernährung. Ihre Anwendung ermöglicht es, die Ernteerträge der Kulturpflanzen gezielt zu steigern, und damit wird sie auf dem Wege über die menschliche Ernährung zu einer entscheidenden Größe für die Existenz der Menschheit in der Gegenwart und in der Zukunft.

Als sich Liebig im Jahre 1837 den Problemen der Pflanzenernährung zuwandte, fand er die folgende Situation vor: die breite landwirtschaftliche Praxis arbeitete nach überkommenen Regeln. Die gebildeten Landwirte folgten mit der sogenannten „intensiven Landwirtschaft“ der Humustheorie Albrecht Thaers, demzufolge sich Pflanzen ausschließlich vom Humus des Bodens ernähren. Zwar war schon bekannt, daß in Pflanzen auch Mineralstoffe („Erden“) enthalten sind, doch nahm man an - der herrschenden nuturphilosophischen Schule folgend - das diese vermittels der „Lebenskraft“ aus dem Humus in der Pflanze selbst gebildet würden. Die schon damals von mehreren Forschern nachgewiesene Aufnahme anorganischer Stoffe durch die Pflanze wurde derart übergangen, daß noch im Erscheinungsjahr der Liebigschen Agrikulturchemie - 1840 - z.B. die Universität Göttingen die Preisfrage stellen konnte: „sind anorganische Stoffe wesentliche (d.h. lebenswichtige) Bestandteile der Pflanzen?“.

In dieser Situation ist es nun Liebig, der die bis dahin unbeachteten, nur bruchstückhaft vorliegenden Erfahrungen als in einem inneren Zusammenhang stehend erkennt und in seiner Mineralstofftheorie zusammengefaßt. Deren wichtigste Aussagen sind:

  1. Pflanzen benötigen für ihre normale Entwicklung Mineralstoffe, die sie als Nährstoffe mit ihren Wurzeln aus dem Boden aufnehmen.
  2. Fruchtbar bleibt ein Boden nur, wenn die ihm entzogenen, mineralischen Pflanzennährstoffe vollständig ersetzt werden.
  3. Der Bedarf der Pflanzen an mineralischen Nährstoffe ist artverschieden.
  4. Die Nährstoffe können sich nicht gegenseitig vertreten. Speziell aus dieser Erkenntnis ergibt sich das „Gesetz vom Minimum“, das ist die Feststellung, daß der jeweils in relativ geringster Menge vorhandene Nährstoffe die Höhe des Pflanzenertrages bestimmt.
Gesetz vom Minimum

Diese Lehre ist nun unumstritten zum Fundament der Landwirtschaft geworden. Die seitherige Forschung auf den Gebieten Pflanzenernährung, Düngung, Bodenkunde hat sie ganz außerordentlich verfeinert. Die erzielten Erfolge - Verbesserung und Stabilisierung der Bodenfruchtbarkeit, Steigerung von Ertragshöhe und Ertragsqualität - sind eindrucksvoll. Die Ernährung der jetzt lebenden 5 Milliarden Menschen ist im Prinzip gesichert, und auch eine maßvoll zunehmende Weltbevölkerung wird in den nächstfolgenden Generationen grundsätzlich nicht Hunger leiden müssen.

Wird dies aber immer so bleiben? Schon Liebig stellte sich diese Frage und behandelte sie im Zusammenhang mit seinen Darlegungen über die „Raubwirtschaft“ und deren Folgen mit großer Eindringlichkeit und Ausführlichkeit. Er kommt zu folgendem Ergebnis:

Nach der Mineralstofftheorie müssen dem Boden - zur Erhaltung seiner Fruchtbarkeit - die von Pflanzen entzogenen Nährstoffe in vollem Umfang ersetzt werden. Die Natur schafft diesen Ersatz durch den Nährstoffkreislauf - einem nach heutigen Verständnis perfekten „Recycling“. Damit wird das Ernährungspotential der Pflanzen - Grundlage der Entwicklung und Erhaltung allen Lebens - großräumig und über lange Zeit stabilisiert. Die Menschheit, die ihr Dasein auf Dauer sichern will, ist gezwungen, es der Natur gleich zu tun. Auch sie muß das im jeweiligen Lebensraum vorhandene Nährstoffpotential durch ein möglichst quantitativ wirkendes Recycling erhalten.

Dieser Forderung wird jedoch nicht genügt, denn die menschlichen Ausscheidungen werden ganz überwiegend, den definitiven Verlust der enthaltenen Pflanzennährstoffe einschließend, in das Meer geschwemmt. Ferner fließen Agrarexporte in der Regel nur in einer Richtung, was zur beschleunigten Nährstoffverarmung in den Exportländern führt, ohne das dieser eine Anreicherung in den Importländern gegenübersteht.

Nur für eine gewisse Zeit - und das ist unsere Zeit - werden sich diese Nährstoffverluste durch den Abbau entsprechender Lagerstätten ausgleichen lassen, doch ist deren Erschöpfung abzusehen. Wir dürfen es hier nicht wie bei der ebenfalls anstehenden Erschöpfung der Ressourcen an gewerblichen Rohstoffen unseren Nachkommen überlassen, für sich selbst zu sorgen, denn Pflanzennährstoffe sind nicht vertretbar. Hier gilt das Minimumgesetz; soweit Liebig.

Seit Liebig hat sich die Situation dadurch verändert, daß der Stickstoff der Luft düngetechnisch nutzbar wurde. Das knappste Nährelement auf unserer Erde ist und bleibt nunmehr der Phosphor. Die amtlichen Erhebungen lassen erwarten, daß bei weiter wachsender Bevölkerung und steigendem Verbrauch der Bedarf an Düngephosphat in 100 - 200 Jahren nicht mehr gedeckt werden kann, und das ist in der Menschheitsgeschichte eine nur sehr kurze Zeitspanne.

Es ist deshalb hohe Zeit, die Verwendung des Phosphors für andere als Düngezwecke einzustellen, für seine düngetechnische Anwendung auf das Notwendige zu beschränken und ein wirkungsvolles Recycling in Gang zu setzen. Dies und ein deutlicher Rückgang der Weltbevölkerung sind erforderlich, damit nach Erschöpfung der Phosphorreserven Hungerkatastrophen bislang unbekannten Ausmaßes vermeidbar werden.

Wir sehen also, der „Kurzzeit-Aspekt“ der Liebigschen Mineralstofftheorie, von der Wissenschaft angenommen, hat die Ernährung der Weltbevölkerung „auf Zeit“ gesichert. Der „Langzeit-Aspekt“ der Theorie, von Liebig selbst mit hohem persönlichen Einsatz vertreten und seine späten agrikulturchemischen Schriften wie ein Leitmotiv durchziehend, blieb bisher unbeachtet, obwohl ihm - aufs Ganze gesehen - die größere Bedeutung zukommt. Hier muß jetzt eine Änderung eintreten. Eine vervollkommnete Technik und das bei allen maßgebenden Nationen erwachende Umweltverständnis lassen die Hoffnung auf eine positive Entwicklung berechtigt erscheinen.

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Texte und Abbildungen stammen im wesentlichen aus:
Siegfried Heilenz: „Das Liebig-Museum in Gießen - Führer durch das Museum und ein Liebig-Porträt, aktuell kommentiert“, Verlag der Ferber'schen Universitätsbuchhandlung Gießen (2. Auflage 1988, ISBN 3-922730-66-3)
und sind hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags wiedergegeben.

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