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(4) Spülraum

 
 

Ursprünglich der Reinigung und dem Spülen der Gerätschaften und Gefäße dienend, wird heute in diesem Raum über Liebigs Münchener Zeit berichtet:
Im Jahre 1852 kommt es aus geringfügigen Anlaß - es geht um das Gehalt des Assistenten Ettling - zu Spannungen zwischen Liebig und der hessischen Regierung, die diesen veranlassen, einen Ruf an die Universität München anzunehmen. Hier erhält er im Vergleich zu Gießen hochnoble Arbeitsmöglichkeiten und ist - wunschgemäß - von der Wahrnehmung der Lehraufgaben weitgehend befreit. Liebigs Gesundheit - nie besonders stabil - ist nach 28 Jahren höchster Kreativität und härtester Anspannung ernsthaft gefährdet. Er weiß, daß er nunmehr mit seinen Kräften haushalten muß und widmet sich jetzt vorwiegend der publizistischen Tätigkeit. Seine auf diesem Gebiet originellste Leistung sind die „Chemischen Briefe“. Mit ihnen wollte er eine breite Öffentlichkeit über die in seiner Wissenschaft erzielten Fortschritte aktuell informieren. Er erreichte dies durch eine mustergültig klare, im besten Sinne populärwissenschaftliche Schreibweise und durch die Veröffentlichung der Briefe in der wissenschaftlichen Beilage einer Tageszeitung, der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Die Briefe wurden zu Bestsellern, erreichten auch als Nachdruck hohe Auflagen und sind bis heute beispielhaft geblieben.

Die Zielsetzung der Abendvorlesungen und Symposien, die Liebig in seinem Auditorium veranstaltete, lag auf der gleichen Linie. Die Teilnahme an den Vorlesungen stand auch Damen offen. Für diese auf die Gleichberechtigung der Frau abzielende Neuerung wurde Liebig fiel bespöttelt und auch ziemlich bösartig karikiert, obwohl die Königin und ihr Hofstaat an den Vorlesungen teilnahmen.

Das praktisch wichtigste Ergebnis der Münchener Zeit ist die Durchsetzung der Mineralstofftheorie und die daraus resultierende Reformation des Feldbaues. Liebigs wissenschaftliche Laufbahn endet mit der Behandlung physiologischer Themen. Eine letzte Arbeit ist eine mehrjährige Studie über die Gärung, die der 1870 abschließt. Bald darauf erkrankte er schwer. Zu einer vollständigen Genesung kommt es nicht mehr. Er stirbt am 18. April 1873 an einer Lungenentzündung.

Liebig war ein Mann von großem Mut und seiner Geisteshaltung nach ein Freigeist (würden wir heute sagen). Beides belegt ein Brief, den er nach seiner Erkrankung - Ende 1870 - schrieb. Darin heißt es: „Religiöse Bedürfnisse, soweit sie sich auf die törichte Furcht beziehen, was nach dem Tode aus uns wird, habe ich nicht. Dies ist wohl der Hauptgewinn, den meine Beschäftigung mit der Natur und Ihren Gesetzen mir gewährt. Ich finde alles so unendlich weise geordnet, daß gerade die Frage, was nach dem Abschluß meines Lebens aus mir wird, mich am allerwenigsten beschäftigt. Was aus mir wird, ist sicherlich das Allerbeste“.

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Texte und Abbildungen stammen im wesentlichen aus:
Siegfried Heilenz: „Das Liebig-Museum in Gießen - Führer durch das Museum und ein Liebig-Porträt, aktuell kommentiert“, Verlag der Ferber'schen Universitätsbuchhandlung Gießen (2. Auflage 1988, ISBN 3-922730-66-3)
und sind hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags wiedergegeben.

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