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(2) Wägezimmer

 
 

Die Analysenwaagen, damals das „Heiligtum des Chemikers“ (aber auch heute noch zu seinen wichtigsten Arbeitsmitteln zählend), waren in einem besonderen Raum, dem Wägezimmer, aufgestellt. Um die Genauigkeit der Wägungen beeinträchtigende Temperaturschwankungen fernzuhalten, lag dieses vor Sonneneinstrahlung geschützt (wie hier) nach Norden und wurde nicht beheizt.

Die Waagen gehören noch zum „langarmigen“ Typ, bei dem der Waagebalken sehr langsam ausschwingt (= zur Ruhe kommt). Der Wiegevorgang war langwierig. Man sprach vom „Martyrium der Wägung“, (welches Liebig sich dadurch erleichterte, daß er „pro Wägung eine Zigarre rauchte“). Die Leistungsfähigkeit dieser Waagen ist erstaunlich. Noch heute kann man mit zweien von ihnen bei einer Höchstlast von 100 g auf 0,5 mg genau wiegen. Erstaunlich ist ferner, daß diese Präzisionsinstrumente nicht von einem Feinmechaniker, sondern von dem Gießener Schreinermeister Hoss hergestellt worden sind.

Das ehemalige Wägezimmer erinnert heute mit Bildern der Eltern - des elterlichen Wohn- und Geschäftshauses - des Gymnasiums - der späteren Förderer und Lehrer - an Liebigs Jugend- und Studentenzeit.

Am 12. Mai 1803, als 2. von 10 Kindern geboren, erhielt er schon in früher Jugend vom Vater die ersten fachlichen Anregungen. Die Mutter aber war die dominierende Persönlichkeit in der Familie, ihre Entschlußkraft und ihr Realitätssinn begründeten auch den - bescheidenen - Wohlstand der Liebig-Familie. Die entscheidenden Charaktermerkmale Liebigs sind mütterliches Erbteil, unverkennbar ist auch die äußere Ähnlichkeit.

Nach durch schlechte Leistungen veranlaßtem Abgang von der Schule und abgebrochener Apothekerlehre (11) studiert er Chemie, zunächst 1 Semester in Bonn, dann 2 Semester in Erlangen. Wir sehen ihn als 18jährigen Studenten. Bald darauf muß er wegen der Beteiligung an Studentenkrawallen Erlangen verlassen. Er erhält durch Vermittlung des hessischen Kabinettssekretärs Schleiermacher ein Stipendium zur Fortsetzung des Chemiestudiums in Paris. Schleiermacher war somit der erste und zugleich entscheidende Förderer Liebigs; dies war ein Mann von großer Intuition. Für alle späteren Förderer Liebigs war demgegenüber die genialische Veranlagung des jungen Mannes schon nicht mehr zu übersehen. Sie handelten mit Bedacht. So auch Alexander v. Humboldt, der in Paris zufällig bei einem Vortrag Liebigs vor der königlichen Akademie anwesend ist. Liebig experimentierte mit Salzen der Knallsäure, also Sprengstoffen von höchster Brisanz.. Vom Mut, Geschick und von der Beobachtungsgabe des Referenten beeindruckt, empfiehlt er ihn seinem Freunde Gay-Lussac. Damit sind Liebig an der Pariser Chemie „Tür und Tor“ geöffnet. Unter Gay-Lussacs Leitung vollzieht sich seine fachliche Vollendung. Innerhalb nur eines Jahres wird er zu einem dem Lehrer ebenbürtigen Forscher. Eine weitere von A. v. Humboldt an den Großherzog von Hessen gerichtete, höchst nachdrückliche Empfehlung bewirkt Liebigs Ernennung zum Professor in Gießen.

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Texte und Abbildungen stammen im wesentlichen aus:
Siegfried Heilenz: „Das Liebig-Museum in Gießen - Führer durch das Museum und ein Liebig-Porträt, aktuell kommentiert“, Verlag der Ferber'schen Universitätsbuchhandlung Gießen (2. Auflage 1988, ISBN 3-922730-66-3)
und sind hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags wiedergegeben.

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